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Ein biologisches Experiment ist nicht nach Plan verlaufen: statt Affen sind es Spinnen und Insekten, die auf einem weit entfernten Planeten eine beschleunigte Evolution durchmachen. Das Ergebnis: eine nicht-menschliche, aber irgendwie doch einigermaßen irdische Zivilisation. Kommt dabei interessante Science-Fiction heraus?

Menschen und Spinnen

Die Geschichte besteht aus sich abwechselnden Passagen über Spinnen und über Menschen. Der Teil, der von den Menschen handelt, lässt sich relativ kurz nacherzählen: lange nach unserer Zeit und unserem Untergang haben Überlebende auf der ruinierten Erde eine neue Zivilisation aufgebaut. Obwohl sie die „antike“ Weltraum-Technologie, auf die sie überall stoßen, nicht völlig verstehen, gelingt es ihnen, Generationenschiffe zu konstruieren und damit ein Sonnensystem anzusteuern, von dem aus ein uraltes Signal ausgeht. Es stammt von der Wissenschaftlerin Dr. Kern, die seit Tausenden von Jahren „ihren“ Planeten umkreist und aus dem Orbit das dort ablaufende Evolutionsexperiment beobachtet. Als eins der Generationenschiffe eintrifft, kommt es zu Fehlkommunikations-Dramen und Weltraumgefecht-Action, da Kern ihre Schöpfung um jeden Preis verteidigen will, während die Neuankömmlinge in dem Planeten ihre beste und einzige Chance auf eine neue Erde sehen.

Die anderen Passagen spielen sich auf dem Planeten ab. Sie sind nicht völlig aus Spinnen-Sicht geschrieben: die Erzählstimme bringt uns menschlichen Leser*innen nahe, wie es sein könnte, eine Spinne zu sein, hilft uns aber auch mit Einschüben wie „Das ist für sie vielleicht so ähnlich, wie sich ein Mensch fühlt, wenn…“. Zwischen den einzelnen Kapiteln vergehen meist Jahrtausende, dennoch werden jedes Mal 2-3 arachnoide Charaktere beispielhaft herausgegriffen und durchgängig mit denselben Namen versehen, was eine Art von Kontinuität in die Geschichte bringt. (Bei den Menschen vergehen übrigens unterdessen auch große Zeitspannen, die Charaktere bleiben allerdings wirklich dieselben, da sie sich zwischendurch immer in den Stasiskammern schlafen legen – die extrem verformte Zeitwahrnehmung, die sich daraus ergibt, ist einer der interessantesten Aspekte im Menschen-Handlungsstrang.)

So erleben wir gemeinsam mit den Spinnen die von Dr. Kern künstlich beschleunigte Evolution. Ein wichtiger Punkt, in dem sie sich von Menschen unterscheiden: sie geben Erinnerungen und Erlerntes zu einem gewissen Grad an ihre Nachkommen weiter. Dadurch haben die Protagonist*innen der späteren Kapitel immer noch eine (recht vage, verzerrte) Vorstellung von historischen Ereignissen und davon, wie es früher so war, eine noch nicht so fortgeschrittene Spinne zu sein.

Spinnenkultur und Spinnentechnologie: ziemlich gut

Diese andere Art des Lernens hat auch Einflüsse auf die Gesellschaft der Spinnen. Statt einem Schul- und Bildungssystem entwickeln sie verschiedene biologische Techniken, um ihr Wissen weiterzugeben und es sich buchstäblich einzuverleiben. Das ist natürlich nicht die einzige gesellschaftliche Besonderheit, und das ist auch der Punkt, in dem der Autor sich selbst eine riesige Aufgabe stellt. Spinnen unterscheiden sich anatomisch stark von Menschen (citation needed). Wenn man eine Welt im Detail ausgestaltet, in der Spinnen ähnlich komplexe soziale Strukturen ausbilden wie Menschen, kommt man nicht drumherum, sich sehr konkret festzulegen, welche gesellschaftlichen Phänomene man für biologisch bedingt hält und wie der Zusammenhang genau aussieht.

Einiges davon ist gleichzeitig schlüssig und andersartig genug, um die Spinnenwelt lebhaft und unterhaltsam zu machen: etwa die dreidimensionale Architektur und Infrastruktur, die nur aus kunstvoll zwischen Bäumen gespannten Fäden besteht, oder die Sprache, die aus zwei ganz unterschiedlichen Kommunikationsarten besteht. Zum einen gibt es eine visuell vermittelte Kommunikationsform, die aus Gesten der Mundwerkzeuge besteht, also eine Art Gebärdensprache. Hauptsächlich unterhalten sich die Spinnen allerdings über Vibrationen, die über die Fäden weitergetragen werden, und die die Empfängerin mit ihrem Tastsinn wahrnimmt. Neben solchen Aspekten der Sprache, Kunst und Kultur ist auch die Andersartigkeit im wissenschaftlichen und technischen Bereich interessant. Die Spinnen leben etwa völlig ohne Räder und Zahnräder, Elektrizität oder fossile Brennstoffe (die sich auf dem erst vor Kurzem künstlich belebtem Planeten noch gar nicht gebildet haben), stattdessen basieren ihre Erfindungen vor allem auf organischen Komponenten. Das meiste, was bei uns von Maschinen erledigt wird, wird hier von abgerichteten Insekten, vor allem Ameisen, übernommen. Dafür kommt noch eine dritte Kommunikationsform zum Einsatz: die Spinnen erzeugen künstliche chemische Substanzen, die von auf die Insekten bestimmte instinktiv wahrgenommene, kurz- oder langfristige Wirkungen haben. Bildlich vorstellen konnte ich mir die Gerätschaften, die so entstehen, zwar nicht so ganz, aber grundsätzlich ist es eine Variante der „Viele Leute, die bestimmte Regeln befolgen, bilden auch einen Schaltkreis“-Idee, die Spaß macht.


Viele Ameisen = Computer? Weiter reichte meine Vorstellungskraft nicht.

Besonders betont werden die Unterschiede zwischen der humanoiden und arachnoiden Kultur dadurch, dass Dr. Kern – die inzwischen zu einer Mischung aus uraltem Körper und Geist, Notfall-KI und Schiffscomputer verschmolzen und entsprechend verwirrt ist – sehr lange davon ausgeht, es mit Nachkommen von auf dem Planeten ausgesetzten Affen und nicht mit Spinnen zu tun zu haben. Die von ihr aus dem Orbit gesendeten Vorschläge für zahnrad- und strombetriebene Erfindungen dauern daher zum einen Jahrhunderte länger als von ihr vorgesehen, und werden am Ende auch völlig anders umgesetzt als gedacht.

(Was ich noch vergessen habe zu erwähnen: sowohl die Spinnen als auch die Insekten sind metergroß, was aber eigentlich keine große Rolle spielt. Vielleicht sollte das einen weltraummonsterhaften Effekt auslösen, ich habe aber das Gefühl, dass es arachnophoben Leser*innen wie mir eigentlich fast eher hilft, das Aufkommen unangenehmer Krabbel- und Wimmelgefühle zu vermeiden.)

Spinnengesellschaft: etwas schlechter

Wie sieht es mit den besonders spannenden aber auch besonders heiklen sozialen und politischen Gegebenheiten bei den Spinnen aus? Ein zentrales Thema des Buches bildet die Geschlechter-Ungleichheit zwischen den „weiblichen Spinnen“ und den „Männchen“ – letztere sind physisch kleiner und schwächer und werden unterdrückt und ausgenutzt. Richtig, wenn auch nicht brandneu, ist dabei der Gedanke, dass z.B. unterschiedliche Rollen bei der Fortpflanzung beeinflussen, was für gesellschaftliche Rollen sich entwickeln, aber die Umsetzung bleibt hier ziemlich unterkomplex. Die über die Jahrhunderte erzählte Geschichte der männlichen Spinnen liest sich größtenteils einfach wie eine (stark vereinfachte) umgekehrte Version der uns bekannten Welt.

Andere Innereien, andere Sitten

Zwei unangenehme Eindrücke wurde ich dabei nicht los: erstens schient die Tatsache, dass die uns bekannte Geschichte sich anderswo genau so wiederholt, obwohl die Ausgangsvoraussetzungen weder identisch noch genau symmetrisch sind, zu suggerieren, dass die gesellschaftliche Unterdrückung in genau dieser Form eines der Geschlechter etwas universelles, unvermeidliches und dadurch ist bis zu einem gewissen Punkt auch etwas zu verzeihendes ist: „Das sind eben die Gene der Urspinnen/-menschen/-wesen in uns! Man muss sich in Geduld und Verständnis üben, bis wir (evolutionär) weit genug sind, um uns langsam an Emanzipation ranzutasten!“ (Ein ähnliches mulmiges Gefühle erzeugte in mir auch die hier getroffene Annahme, dass Kriege zwischen Ameisen- und Spinnenzivilisationen nach einem nicht nur sehr menschlichen, sondern auch irgendwie mittelalterlich-europäischen Schema ablaufen würden). Zweitens wurde ich auch das Gefühl nicht los, dass an manchen Stelle ein fast schon ironischer und verharmlosender „Hier sind’s jetzt mal die Männer, die beim/nach dem Sex getötet werden ;)“-Ton mitschwingt. Dass es eine unheimlich schwierige Aufgabe ist, dieses Thema in einem Science-Fiction-Roman angemessen zu verarbeiten, steht außer Frage (als sehr viel gelungenere Versuche könnte man allerdings mindestens Gilman und Le Guin nennen). Es ist hier aber Tchaikovskys eigene Entscheidung, das Thema in den Mittelpunkt zu stellen – Weglassen wäre mir hier lieber gewesen.

Fazit

Ich würde die Die Kinder der Zeit dennoch allen empfehlen, die sich gerne an detailliert ausgearbeiteten fremden Welten erfreuen oder Spaß daran haben, diese auseinander zu nehmen. Tchaikovsky tut sich dabei aus meiner Sicht etwas mehr auf, als er am Ende auslöffeln kann, aber manches gelingt auch besser als in den meisten SciFi-Geschichten dieser Art.

 

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