Albern, verstörend, grauenerregend, haarsträubend – der Kurzgeschichtenband „Phantastische Träume“ hinterlässt bleibende Eindrücke. Es handelt sich dabei um die hundertste Ausgabe der Phantastischen Bibliothek, einer Reihe des Suhrkamp-Verlags, in der über 300 Romane und Kurzgeschichtensammlungen aus den Bereichen Fantasy, Science Fiction und Horror erschienen sind. Die Reihe scheint gegen Ende der 90er eingestellt worden zu sein. Vor kurzem ist mir dieser Jubiläumsband in die Hände gefallen, der einen schönen Querschnitt der wichtigsten in dieser Reihe verlegten Autoren bietet, und dadurch auch einige Ideen, von wem man gerne mehr lesen würde und von wem lieber nicht.

Am Anfang der Sammlung steht eine Ijon-Tichy-Geschichte von Lem („Die Verdopplung“), in der dem Raumfahrer eine unangenehme Sache widerfahren ist: der Balken, der seine beiden Gehirnhälften verbindet, wurde bei einem Einsatz auf dem Mond durchtrennt, was auch sein Erinnerungsvermögen etwas beeinträchtigt hat. Nach und nach rekonstruiert Tichy, dass seine Mission etwas mit dem Wettrüsten der Weltmächte zu tun hatte; um die Gefahr für die Erde zu minimieren und der Aufrüstung eine obere Grenze zu setzen, wurde vereinbart, dass alle Waffen auf dem Mond stationiert und zudem mit der Fähigkeit der Selbstverbesserung und -verfielfältigung ausgestattet werden. So weiß keiner genau, wer militärisch gerade die Nase vorn hat, was die Bereitschaft zum Erstschlag verringert. Keine üble Hintergrundgeschichte – aber womit Lem hier wirklich glänzt, sind Ijon Tichys persönliche Erlebnisse. Seit der Durchtrennung wird er ständig von Streichen seiner impulsiven rechten Hirnhälfte geplagt, die ihm mit der von ihr gesteuerten Körperhälfte ein Bein stellt, Leute begrabscht und mit unanständigen Gesten beleidigt. Tichy behilft sich damit, ihr die Gebärdensprache beizubringen und sie mit der Aussicht auf Kuchen zu besänftigen. Das Ganze ist feinster literarischer Slapstick-Quatsch, der trotzdem von alles andere als trivialen philosophischen Überlegungen dazu durchzogen ist, was eine Person ausmacht und ob Tichys Situation eigentlich undenkbar (aber möglich?) ist.

Wesentlich düsterer sind dagegen die „Erinnerungen an das Raumfahrtzeitalter“ von J. G. Ballard, der für surrealistische postapokalyptische Szenarien mit komplizierten Raum- und Zeitphänomenen bekannt ist. Hier bekommen es die Menschen mit extremen Schwankungen in der Zeitwahrnehmung zu tun, die bei Astronauten als zu spät erkannte Folge von Raumflügen aufzutreten scheinen; mit der Zeit hat sich das Phänomen anscheinend auch auf die Umgebung des Raumhafens in Florida und schließlich auch auf ganze umliegende Staaten ausgeweitet. Wir verfolgen die Bemühungen eines ehemaligen Mitarbeiters und dessen Frau, die mit einem Raumfahrer Kontakt aufnehmen wollen, der wohl eine Schlüsselrolle in der ganzen Angelegenheit spielt. Das Ehepaar ist bereits von der Reise quer durch die USA nach Florida ausgezehrt sind wie nach einer jahrelangen Fahrt, und vor Ort verfallen beide hin und wieder in „kurze“ (für Außenstehende) Phasen, in denen sich jede Sekunde bis ins Unendliche dehnt. Die vielleicht schönste Szene: die völlige Gelassenheit eines Mannes, auf den eine ausgehungerte Raubkatze zurennt, und der aber weiß, dass sie ihn erst in einer (gefühlten) Ewigkeit erreichen wird – also: nie -, obwohl sie nur noch wenige Meter entfernt ist. Eine verstörende und für mich die beeindruckendste Geschichte in der Sammlung, die Lust macht, mehr von Ballard zu lesen.

(Bilder von der NASA)

Beeindruckt hat mich auch, was für eine Faszination und auch welchen Horror auch Geschichten auszulösen können, die wesentlich älter sind – dazu gehörten Lovecrafts „Die Farbe aus dem All“ von 1927 und Algernon Blackwoods „Die Weiden“ von 1907. Lovecrafts Geschichte dreht sich um einen Meteoriteneinschlag irgendwo in einem abgelegenen Dorf. Nach und nach wird das ganze umliegende Land kontaminiert und erstrahlt in unnatürlichen, unirdischen Farben. Die Bäume fangen an, auch bei Windstille zu schwanken, die Farmtiere des nächstliegenden Hofes drehen zunächst durch und werden dann grau und spröde und verrotten bei lebendigem Leibe. Der Bauernfamilie ergeht es schließlich genauso. 1A-Horrorfilm-Material; und tatsächlich gibt es unter anderem eine Verfilmung namens „The Curse“, in der Wil Wheaton mitspielt – noch nicht gesehen, aber jetzt vorgemerkt. Blackwoods „Weiden“ waren laut Wikipedia wiederum die Lieblingshorrorgeschichte von Lovecraft – das will wohl was heißen. Es geht um zwei Leute, die zusammen eine lange Kanufahrt die Donau herunter unternehmen. Während eines heftigen Sturms landen sie auf einer von Weiden überwucherten Donauinsel, von der sie mehrere Tage lang nicht mehr wegkommen. Langsam wird ihnen bewusst, dass diese absolut unberührte, uralte Wildnis eine eigene Lebendigkeit und Macht besitzt, die sich menschlichen Kategorien völlig entzieht. Dieses schleichende Gewahrwerden unbegreiflicher, unmenschlicher Vorgänge beschreibt Blackwood in einer Intensität, die einem wirklich das Blut in den Adern gefrieren lassen kann. UFF!

Die Enttäuschung des Sammelbands ist dagegen ein anderer Klassiker: Fitz James O’Briens „Diamantlinse“ (1858), laut Wikipedia übrigens AUCH eine Lieblingsgeschichte von Lovecraft (vielleicht will das doch nicht so viel heißen). Ein vom Mikroskopieren besessener Student entwickelt darin (unterstützt durch den Geist eines Mikroskopie-Pioniers) eine Superlinse, mit der er erstmals wundersame Landschaften in der Größenordnung von Elementarteilchens (denke ich) beobachten kann. Und was entdeckt er dort? Eine (winzigkleine) Frau mit langen wallenden Haaren, die verträumt in die Ferne schaut und verführerisch in mikroskopische Früchte beißt. Von allen unglaublichen, nie zuvor gesehen oder auch nur gedachten Wesen, die O’Brien hier hätten einfallen können, ist es ausgerechnet eine Frau wie aus unserer Welt. Eigenschaften wie Sanftmut und Sinnlichkeit scheinen hier nicht nur auf der vielbeschworenen biologischen Ebene, sondern geradezu auf allertiefster physikalischer Ebene mit dem weiblichen Geschlecht verbunden zu sein. Der besessene Student verliebt sich auf der Stelle, vergisst alles um ihn herum, aber er vergisst auch den Wassertropfen, in dem er sie gefunden hat, vor der Verdampfung zu schützen, und die winzige Frau vertrocknet (mit einem ganz leisen letzten Seufzer). Auf einer gewissen Ebene wird die bedenkliche Idee der Mikrofrau zwar ganz interessant gebrochen: der Student macht sich selbst Gedanken darüber, ob vielleicht seine eigene Obsession ihn diese (Trug-)bilder sehen lässt; und das Motiv der Mikroskopie und Linsen unterstreicht so stark die Objektifizierung des weiblichen Untersuchungsgegegenstands, dass es auf eine bewusste Übersteigerung hindeutet. Trotzdem hinterlässt diese Geschichte, auch durch zusätzliche schwer verdauliche antisemitische Anklänge in der Rahmenhandlung, keinen allzu guten Eindruck.

Insgesamt war dieser Sammelband aber wirklich ein Genuss (ein vollständiger Überblick über die enthaltenen Geschichten findet sich hier in der Internet Speculative Fiction Database) und ein riesiger Qualitätsunterschied zu dem Scifi-Pulp, den ich sonst am liebsten lese. Ich nehme auch ein schönes Zitat aus Blackwoods „Weiden“ mit, das die Macher dieses Blogs (deren Familienname übersetzt auch „Weiden“ lautet) gespenstisch genau beschreibt:

Niemals aber erlangen jene Weiden die Würde von Bäumen: sie haben keinen festen Stamm und bleiben bescheidenes Buschwerk mit gerundeten Häuptern und sanften Konturen. Ihre Zweige gehorchen dem zartesten Druck und beginnen schon im leisesten Lufthauch zu schwanken.

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