Kuba schrieb in seinem Review zu Blade Runner 2049:

„Der replikat-identifizierende sogenannte Voight-Kampf-Test, bei dem ein Kameraauge das Auge des Subjekts beobachtet, während es suggestive Interviewfragen beantworten muss, wurde ersetzt durch eine Art beknackten Abzählreim (toll), das Kameraauge durch eine Sensorleiste (weniger toll).“

Hier ein kleiner Nachtrag zu diesem Abzählreim. Die Prozedur, der sich der Protagonist des Films namens K immer wieder unterziehen muss, sieht so aus, dass er unter genauester Beobachtung auf eine schnelle Abfolge von Fragen und Sätzen antworten muss, und zwar indem er immer das letzte gesagte Wort wiederholt. Die Bezeichnung „Baseline-Test“ lässt dabei vermuten, dass irgendwann seine Standard-Reaktionen während dieses Tests aufgezeichnet wurden und dann als Vergleichsbasis dienen, um seinen Zustand nach jeder Mission zu überprüfen. Hier ein Beispiel aus dem Filmskript (wie es hier zitiert wird):

INTERVIEWER: Do you long for having your heart interlinked? Interlinked.
K: Interlinked.
INTERVIEWER: Do you dream about being interlinked? Interlinked.
(A moment’s hesitation. Then –)
K: Interlinked.
INTERVIEWER: What’s it like to hold your child in your arms? Interlinked.
K: Interlinked.

K werden also Fragen gestellt, die vermutlich auf emotionale Reaktionen und dadurch potentiell verzögerte Antwortzeiten abzielen – bei den Replikanten unerwünscht. Vermischt sind die Fragen mit Teilen eines Gedichts, das aus einem Buch von Nabokov stammt: Fahles Feuer bzw. Pale Fire. Es handelt sich dabei um fiktive Annotationen zum Gedicht eines fiktiven Dichters, also ein meta-literarisches Verwirrspiel, wie man es z.B. auch von den „Fußnoten zu imaginären Büchern“ von Jorge Luis Borges kennt. Das Buch wird in Blade Runner 2049 auch direkt erwähnt, als Ks virtuelle Freundin Joi es ihm als Lektüre empfiehlt (er lehnt aber ab, mit der Begründung, dass sie es doch hasse). Davon unabhängig kommen alle Gedichtzeilen auch im Laufe des Baseline-Tests vor:

„Cells interlinked within cells interlinked
Within one stem. And dreadfully distinct
Against the dark, a tall white fountain played.“

Warum wird von den Filmemachern gerade dieses Gedicht verwendet, und warum gerade in dieser zerstückelten und zwischen die Testfragen gemischten Form?

Zur ersten Frage finden sich einige interessante Gedanken in einem Artikel von cinepunx und auf scifi.stackexchange.com: Blade Runner 2049 kreist zwar um Figuren und Konzepte aus dem Originalfilm, aber letztlich läuft Ks Versuch, seine Geschichte mit der des legendären Rick Deckard aus dem alten Film zusammenzufügen, ins Leere. Ähnlich kreisen die Annotationen des Kommentators in Pale Fire zwar um das Gedicht mit den verlinkten Zellen, aber im Endeffekt tragen sie nicht Wesentliches bei und driften dafür in eigene, nur lose ans Thema angeknüpfte Erzählungen ab.

Eine besondere Rolle spielt möglicherweise auch die Zeile über den tall white fountain, die im Buch wohl zunächst eine mystische Verbindung zwischen den Nahtod-Erfahrungen zweier Menschen herstellt. Beide verwendeten voneinander unabhängig genau diese poetischen Worte, um ihre Visionen zu beschreiben. Schließlich stellt sich aber heraus, dass eine der Beschreibungen einfach einen Druckfehler enthielt und ein mountain statt einem fountain gemeint war, was jegliche mystische Verbindung zunichte macht. Auch hier kann man, wenn man will, Parallelen zu Ks und Deckards Schicksalen erkennen.

Die zweite Frage – nach der Form, in der die verlinkten Zellen im Baseline-Test auftauchen – beantwortet Ryan Gosling, der K in Blade Runner spielt, selbst in einem Buch zum Film (Auszüge daraus finden sich auch in dem oben erwähnten stackexchange-Beitrag): Die Idee zur Form des Interviews mit den eingestreuten privaten Fragen und dem Wiederholen einzelner Worte stamme von Gosling selbst und basiere auf einer Schauspieltechnik namens Dropping In, die er auch für seine Rolle in Blade Runner 2049 anwendete. Dabei werden Dialogzeilen aus dem Skript in einzelne Wörter zerlegt. Jedes Wort wird dann in alle möglichen Kontexte eingebettet, in denen es vorkommen könnte, und wird vom Schauspieler wiederholt, um sie mit mehr Bedeutungstiefe und Assoziationen anzureichern.

Interessant ist dabei, wie perfekt eine Methode aus der Schauspielkunst als psychologisch-technischer Test durchgeht. Ich fand es 100% plausibel, dass das die ideale Replikanten-Diagnostik ist. Die Methode erinnert an populäre Psychotests oder auch an das in der psychologischen Forschung verwendete Priming. Dabei werden einem bestimmte Bilder oder Wörter präsentiert, aber so kurz, dass man sie nicht bewusst wahrnimmt und sich danach nicht an sie erinnern kann. Trotzdem können sie die Reaktionszeiten bei darauffolgenden Aufgabenstellungen beeinflussen – z.B. indem man das Wort „Brot“ schneller lesen und verstehen kann, wenn man zuvor unbewusst mit Käse geprimet wurde. Daraus lassen sich dann Rückschlüsse auf mentale Verarbeitungsschritte ziehen.

Eine der effektivsten Szenen in Blade Runner 2049 haben wir also der Tatsache zu verdanken, dass Ryan Gosling Schauspieltraining in Anspruch nehmen musste um mit dem Baseline-Test etwas anfangen zu können; dieses Training hat er dann direkt in die Szene hineingeschrieben. So meta, dass es sicherlich auch Nabokov gefallen würde.

(Bildquelle)

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