Verlinkt? Verlinkt. Zellen? Zellen. Spoilers? Aber hallo. Was für ein Stress muss es sein, nach 30 Jahren die Fortsetzung eines Kult-Klassikers zu machen, weil jemand denkt, die Idee ist mindestens 150 Millionen Dollar wert. Und dann muss da Harrison Ford noch irgendwie rein. Eigentlich kann ein Unternehmen wie Blade Runner 2049 nur scheitern – zu hoch und speziell die Ansprüche der Fans, zu spezifisch und mythologisiert die Ästhetik des Originals. Aber: Denis Villeneuve hat es nicht verkackt. Es ist, bis auf zweidrei ultrapathetischen Szenen sogar ziemlich schön, am besten an den Stellen, die wenig mit dem Original zu tun haben.
Aber zunächst zu den direkten Zitaten, die uns versichern sollen, ja, das ist Blade Runner, ja, wir Filmemacher_innen kennen es, ihr Zuschauer_innen kennt es auch, wir wissen, dass ihr es wisst, und so weiter, zwinker, zwinker. Die transparenten Regenschirme und Regenjacken! Edward James Olmos‘ Origami-Figur! Eine eingravierte mikroskopische Seriennummer. Riesige pyramidenartige Häuser. Harrison Ford!! Letzterer scheint hier nach Star Wars einen weiteren Zurück-aus-dem-Ruhestand-Cameo durchzuziehen, so heftig, dass es ihn fast aus dem Film schleudert – ich habe zu keiner Zeit Deckard gesehen, sondern einfach akzeptiert, dass Harrison Ford früher als Blade Runner gearbeitet hat.

Neben den isolierten Fan-Service-Gimmicks werden die zentralen Blade-Runner-Motive aufgenommen und produktiv erweitert. Das Wetter ist zum Beispiel noch schlechter als 2019. Es regnet und schneit wirklich ständig und das in Strömen. Die Ströme fließen über Fenster, verzerren dabei poetisch die Durchsicht, und münden schließlich im Ozean wo der eindrücklich erstickende finale Kampf stattfindet. Durchsichtig sind auch die Hologramme, die nicht nur die berühmte Neonreklame erweitern (Sony, Atari, Pan Am) oder im Casino auftreten, sondern auch zuhause die Partnerin ersetzen können – fast echt, aber eben an manchen Stellen durchscheinend und an mehr oder weniger moderne Projektoren gebunden. Die Hauptfigur, der Blade Runner und Replikant K (Ryan Gosling) lebt zusammen mit einer holografischen, künstlich intelligenten, gekauften Frau. Diese Variation des künstlichen Menschen fügt sich interessant in die Konstellation von 2049 ein: Was trennt die neuen Replikant_innen noch von der Menschheit? Wenn es quakt wie ein Mensch, ist es nicht ein Mensch? Wenn ihr unseren Emitter zertretet, sterben wir nicht? Vielleicht bin ich für digitale Wesen nah am Wasser gebaut, aber mich berührte schließlich die Trauer des Replikants um seine virtuelle Frau sehr. Und das trotz dieses mulmigen Gefühls des latenten Sexismus, das hier in der unterwürfigen, gestaltwandelnden, anpassungswilligen Holo-Sexsklavin gipfelt. Ich teile das Unbehagen angesichts der fragwürdigen Rollenverteilung, aber für mich war auch stets klar, dass hier eine heteronormative, sexistische (und überwiegend weiße) Unterdrückung und Objektivierung dystopisch fortgeführt wird. So ist K kein cooler Dude sondern ein bemitleidenswerter totaler Loser, der keine, pardon, echte Freundin findet, ja sogar seiner digitalen echte Geschenke macht, auch wenn deren Kommerzialität und Austauschbarkeit ihm durch riesige Werbe-Hologramme perfide ins Gesicht gerieben wird. Hier sehe ich auch einen Ansatz eines Bekenntnisses zur Kulturmisanthropie und gegen die Standardrollenverteilung. Dieses Bekenntnis hätte ich mir allerdings deutlicher gewünscht, es hätte vielleicht sogar einen anderen, spannenderen, ausgeglicheren Weg gegeben, damit umzugehen? Superkräftige, kühle Androidenkillerinnen hatte schon Terminator 3.
Die seltsamste und vielleicht interessanteste Facette dieses Repliziert/Virtuell/Echt-Komplexes ist der „Auftritt“ von Rachael – Deckards Geliebter, die jetzt als Replikantin-Replik eingesetzt wird um ihn zu bestechen/erpressen. Dargestellt von einem Körperdouble mit digital aufprojizierter, synthetischer, noch-junger Originaldarstellerin Sean Young spiegelt es vielleicht unfreiwillig die Sexszene in der sich Ks Holofrau Joi mit der Prostituierten Mariette Ks „synchronisiert“, als Kostüm, oder: Bodydouble. Dass Sean Young eventuell gegen dieses Reenactment war, erzeugt in mir Mulmigkeit, als ob die Replikationsproblematik extradiegetisch in die Realität überschwappt.

Uff. Nach so vielen Ebenen ist das analysefreundliche Leitmotiv des Auges direkt Erholung. Reflektionen in Ks Pupille eröffnen auch diese Blade-Runner-Inkarnation, kurz darauf ebenfalls das erste herausgetrennte Auge: Es dient als Beweismittel, denn die replikat-identifizierenden halbeindeutigen roten Pupillen wurden mit tätowierten Seriennummern ersetzt. Der replikat-identifizierende sogenannte Voight-Kampf-Test, bei dem ein Kameraauge das Auge des Subjekts beobachtet, während es suggestive Interviewfragen beantworten muss, wurde ersetzt durch eine Art beknackten Abzählreim (toll), das Kameraauge durch eine Sensorleiste (weniger toll). Die andersfarbigen Pupillen finden wir wiederum beim superreichen Replikationsmogul und blindem Superbösewicht Niander Wallace wieder (dargestellt von Jared Leto, der scheinbar Blindheit mit überbordender Überbetonung kompensieren will). Er behilft sich mit einem Schwarm Kamera-Dröhnchen, die seinem Gegenüber schnarrend auf die Pelle rücken. Das Auge ist damit entfesselt, das Sehen multiperspektivisch, und ermöglicht eine weitere Ebene von körperlicher Replikation. Mit dieser Technologie muss man sich beim Töten nicht einmal die Hände schmutzig machen: Luv, Wallaces Rechte Hand, kommt mit einem Drohnenangriff K zu Hilfe, per VR-Brille und Sprachsteuerung, während sie sich gleichzeitig einer Maniküre unterzieht. Überhaupt ist die Selbstverständlichkeit mit der auch K seine Drohne während Routine-Einsätzen losschickt ein angenehm unaufdringliches und sinnfälliges Update der Polizei-Technologie von Blade Runner. Ohne zu imitieren referenziert es so vielleicht die maschinelle Fotoanalyse des Originals: Deckard steuerte mit Sprachbefehlen eine Art Mikroskop, um bestimmte Teile einer Fotografie zu vergrößern, zu schärfen und, ja, zu schwenken.

Die Rolle der Fotografie ist 2049 immer noch wichtig, hat sich aber gewandelt. Bildgebende Verfahren, Mikroskope, Röhrenbildschirme haben scheinbar über 30 Jahre eine romantische Analog-heit bewahrt, vielleicht dank diesem „Blackout“, bei dem alle digitalen Aufzeichnung gelöscht wurden. Es kommt sogar wieder Mikrofilm zum Einsatz und natürlich haben Papierabzüge überlebt und versprechen – wie im Original – eine tatsächlich-so-gewesene Vergangenheit. Die Erinnerung im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit sehnt sich nach physischer Bestätigung.
Die physikalische, statische Präsenz steht in einem angenehmen Kontrast zu den vielen flackernden Bildschirmen und glitchenden Hologrammen. Hier liegt der vielleicht subtilste und doch kraftvollste Einsatz von 3D-Kino – die Fotos werden als noch flacher wahrnehmbar. Subtil und kraftvoll beschreibt ganz gut 2049s 3D. Director of Photography Roger Deakins bevorzugt zwar die 2D-Version und mag 3D eigentlich überhaupt nicht, hat aber trotzdem die Postkonvertierung beaufsichtigt. Vielleicht ist deshalb ein so „entspanntes“ 3D entstanden (meine Begleiterin war sich nicht einmal sicher, ob der Film 3D war), weil hier jemand eher mäßigend eingegriffen hat, der aber trotzdem ein gutes Auge für Tiefenkomposition hat (anders als bei Valerian, wo die widerwillige 3D-Konvertierung manchmal übers Ziel hinausschießt). Es gibt so viele „gute Gelegenheiten“ für stereoskopisches 3D, dass ich ursprünglich davon ausgegangen war, dass dieser Film „3D first“ gedreht sein muss: Die unzähligen Hologramme, deren Präsenz auf der Straße und teilweise riesiges Volumen dank halbtransparentem Neon-Stil und Körnigkeit ausgezeichnet rüberkommt; die vielen wasserüberströmten Scheiben mit Linseneffekten, die den Raum auch… räumlich teilen; und der vielleicht beste, schwindelerregendste Partikel-Effekt, den ich je gesehen habe.
Aber auch in „stereoskopisch stillen“ Momenten überzeugt die zusätzliche Tiefe. Wenn Fragmente von Raumschiffen oder Drohnenlämpchen aus dem Nebel auftauchen ist das ein interessanter, neuartiger Kontrast zwischen räumlich-diffus und räumlich-bestimmt. Wenn wir die Perspektive der losgelösten Augen einnehmen, können wir die Flughöhe der Drohne fühlen. Sogar tableau-artige Innen-/Außenraum-Kompositionen mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten profitieren irgendwie von der zusätzlichen Tiefe, ohne dass ich jetzt beschreiben könnte, wie. Viele kleine Momente kommen im Chaos des finalen Kampfs zusammen. Die Kamera ist manchmal unter Wasser, wobei die (rettende, beziehungsweise tödliche) Wasseroberfläche orthogonal zur Leinwand und damit im Kinoraum hängt; Luftbläschen bilden winzige Räume vor Gesichtern; Wasserspritzer machen den beengten Raum fühlbarer, der zwischen Übersicht und Chaos oszilliert. Insgesamt passt die leicht hyper-realistische Erscheinung des stereoskopischen Bildes zu Blade Runners Artifizialität, insbesondere wenn stark räumlich artikulierte Close-Ups die Gesichter von Harrison Ford (faltig), Sylvia Hoeks (glatt) und vor allem Ryan Gosling (dreamy) zu Skulpturen werden lassen.

Schließlich meine zwei stereoskopischen Highlights, die wie für 3D gemacht sind, aber so, meines Wissens, noch nicht gemacht wurden: Erstens, die „holografische Superposition“, in der ein holografisches und ein echtes Objekt den fast-gleichen Raum einnehmen, einander wechselweise überlappen: mal schaut hier eine Holo-Ecke raus, mal dort eine Real-Fläche. Verdeckung lässt sich mit 2D-Raumwahrnehmung visualisieren, aber stereoskopisch wird dieser Vorgang… lebendiger. Humorvoll eingesetzt wird so aus einem Stück Future-Tofu-Plörre ein Steak-Frites. Auf der narrativen Ebene gespiegelt belebt dieser Effekt den symbiotischen Wettkampf zwischen Holo-Geliebter und ihrem Bodydouble – hin zu einer creepiness, die auf einer zusätzlichen, körperlichen Ebene wahrnehmbar wird.
Viel steriler, aber nicht weniger emotional ist die Visualisierung der Erschaffung von Erinnerungen. Dr Ana Stelline ist Erinnerungs-„Künstlerin“, sie zeichnet 3D-Film-Clips, die dann in Replikant_innen eingepflanzt werden. Wir sehen eine Wald-Szene und einen Kindergeburtstag. Sie manipuliert Parameter der Simulation, bis eine Erinnerung perfekt, „authentisch“ wird. Ich fühlte mich an das Star-Trek-Holodeck erinnert, nur dass dort meistens Sprachbefehle eingesetzt wurden, während es hier verdrehbarer Zylinder zum Einsatz kommt, der an ein in-sich-gekehrtes Zoom-Objektiv erinnert – womöglich ein Verweis auf die „älteren“ fotografischen Erinnerungen von Rachael. Der schönste Moment ist hier der Feinschliff des Kindergeburtstags: Um eine Torte platziert sie Kinder im Kreis, die Szene rotiert sie immer wieder um das Zentrum (die Torte) um minimale Änderungen an Frisuren und Positionen vorzunehmen. Dabei sind die Kinder (und die Flammen auf den Kerzen) Standbilder. In der Zeit von 3D-Scannern, -Programmen, -Druckern und VR ist das vielleicht nichts ungewöhnliches, aber für mich behält ein fotorealistisches 3D-Standbild eine seltsame proto-fotografische Magie, deren Bruch man fühlen kann, sobald Ana „Play“ drückt und die Kerze ausgepustet wird…

Insgesamt sehr schöne, unterhaltsame, 2:45 Stunden mit einigen Mängeln und Längen und innovativ nicht-innovativem 3D. Hoffen wir, dass die dann ebenfalls optionalen aber unvermeidbaren Blade Runner Reloaded und Blade Runner Revolutions (falls nicht das Oceans-Modell gewählt wird) neben einer langweiligen Chosen-One-Mythologie ebenso schön werden.

Blade Runner 2049 Moodboard in groß; Q U E L L E N.

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