Milliarden Leben stehen auf dem Spiel – kann Spock sie retten?
Auf diesem bewährten Storykonzept basiert auch das erste offizielle Star-Trek-Buch zur neuen Serie (Spoiler).

Auf einem an Bodenschätzen reichen Planeten trifft der Bohrer plötzlich auf etwas Hartes. Ein gigantisches Schiff, Überbleibsel einer längst vergangenen Zivilisation, erhebt sich vom Meeresboden und droht die Kolonie zu vernichten. Die einzig vernünftige Lösung (der Sternenflotte zufolge): Die gesamte Kolonie (samt Hunderttausenden Bewohnern) sofort vernichten! Denn sonst könnte der „Koloss“ (über den rein gar nichts bekannt ist) womöglich alles Leben im ganzen Quadranten auslöschen.

Dieser aberwitzige Plan der Sternenflotte setzt Maßstäbe für die ganze Geschichte, der es nicht an Extremen fehlt. Ausführen soll den Mord die Shenzhou, kommandiert von Captain Philippa Georgiou. Aber auch die Enterprise unter dem Kommando von Christopher Pike ist in der Nähe und mischt mit. Pikanterweise kennen sich die beiden jeweiligen ersten Offiziere der Schiffe ganz gut: Michael Burnham von der Shenzhou ist bei den Eltern von Spock von der Enterprise aufgewachsen. Die beiden beschließen sich auf eigene Faust in den Koloss zu begeben und dort nach einer Lösung zu suchen. Dafür bleiben ihnen nicht mehr als drei Stunden Zeit, bevor die Kolonie und mit ihm der Koloss zerstört wird.

Im Koloss-Inneren warten extrem schwierige und extrem tödliche Rätsel. Töne müssen richtig erkannt und in Zahlen übersetzt werden, die wiederum in Primfaktoren zerlegt und dann als geometrische Formen eingegeben werden müssen, während hochgiftiges Gas in Burnhams und Spocks Lungen einströmt und die Schwerkraft sich um ein Vielfaches erhöht (vielleicht erinnere ich mich nicht ganz richtig an alle Details, aber übertrieben ist das nicht). Riesige rotierende Messer gibt es auch.

Währenddessen müssen sich die Shenzhou und die Enterprise zum einen mit Kampfdrohnen herumplagen, die der Koloss entsendet, und zum anderen mit den Kolonisten, die vom Auslöschungsplan Wind bekommen haben und nicht damit einverstanden sind. Interessanterweise lernt man dabei die Crew (von der später viele auf der Discovery eingestellt werden) besser kennen als in der ganzen ersten Serienstaffel. Das macht Spaß, genau wie das Wiedersehen mit Georgiou und Burnham. Auch die Geschichte um die vor Jahrmillionen ausgestorbene Zivilisation und den Koloss als ihrem aus der Zeit gefallenen Wächter ist spannend.

Überschattet werden diese positiven Aspekte allerdings von den absurden Denk- und Vorgehensweisen der Charaktere, die bei den völlig unmotivierten Massenmordplänen des Sternenflottenkommandos anfängt. Die sind auch bitter nötig, damit im Kontrast dazu die Gräueltaten der Sympathieträger Georgiou und Pike halbwegs gemäßigt und fast schon humanistisch erscheinen können. Pike wird als tragischer Held inszeniert, der schon ein paar Gewissensbisse, aber eben auch seine Befehle hat und – noch wichtiger – sich vor seiner Besatzung keine Blöße geben möchte und daher die Zerstörung der Kolonie (und notfalls der Shenzhou) übernehmen will, wenn Georgiou zu zimperlich dazu ist. Großzügigerweise lässt er sich dann aber darauf ein, erst Burnham und Spock eine Chance zu geben. Georgiou wiederum glänzt mit Entschlossenheit aber auch Barmherzigkeit, als sie Hunderttausende von Zivilisten, die gegen die Vernichtung ihres Planeten protestieren, in die Bewusstlosigkeit versetzt (aber immerhin am Leben lässt), um sie ruhig zu stellen.

Verletzter Stolz spielt nicht nur für Pike eine große Rolle, sondern durchdringt generell alle Interaktionen. Die zentrale Motivation aller Crewmitglieder scheint zu sein, nicht schlecht vor den anderen und dem Captain dazustehen. Wenn eine Kolleginnen oder ein Kollegen eine bessere Idee hat, führt das regelmäßig zu hochroten Köpfen und rasender Eifersucht. Leider gilt das vor allem für Saru, dessen gedankliche und emotionale kelpianische Innenwelt sonst schön gemacht und lesenswert ist. Noch etwas unangenehmer sind die Beschreibungen der weiblichen Charaktere. Zunächst dachte ich, wenigstens Captain Georgiou sei hier von der Regel ausgenommen, dass bei der ersten Beschreibung einer Frau ihr Attraktivitätslevel oder ihre „klassische Schönheit“ erwähnt werden muss, während männliche Kollegen meist äußerlich vage bleiben oder höchstens mal „kantig“ sind (Pike) – leider wurde das doch noch nachgeholt, und ich fand es schwierig, den immer wieder schmierig hervortretenden Erzähler auszublenden.

Zu den unangenehmeren Dingen zählt auch eine zentrale Szene zwischen Spock und Burnham. Der Koloss stellt ihnen ein Rätsel, das dazu dient, ihre einzigartigen Fähigkeiten zu testen – eigentlich eine starke Idee. Die Aufgabe scheint erst unlösbar: der Gang spaltet sich, und zwei räumlich voneinander getrennte Konsolen müssen genau synchron bedient werden. Es stellt sich heraus, dass das nur mit Hilfe einer Gedankenverschmelzung gelingen kann. Das Problem: Burnham hat eine traumatisierende Verschmelzungserfahrung erlebt und lehnt eine Wiederholung zunächst ab, auch wenn das ihren Tod bedeutet. Obwohl die Beschreibung der Verschmelzung, in der die beiden mit vertauschen Perspektiven bedeutsame Augenblicke aus der Vergangenheit des jeweils anderen nacherleben, das literarische Highlight des Buches ist, war die Heranführung daran für mich der Tiefpunkt. Spock sagt zwar, er respektiere ihre Entscheidung, innerlich kocht er aber vor Wut über Michaels egoistische Entscheidung. Und auch Michaels innerer Monolog, in dem schließlich ihr Mut und ihre Moral über ihre Zweifel siegen, lässt kaum eine andere Lesart zu, als dass ihre Weigerung gegen eine körperlich und geistig maximal intime Prozedur, mit der sie sehr schmerzvolle Erinnerungen verbindet, eine zu überwindende Schwäche sei.

Fazit: Leicht zu verschlingende und gar nicht übel geschriebene Unterhaltung, die aber einige fade Nachgeschmäcker hinterlässt.

(Vielen Dank an Kathrin für das Buch!)

Bildquelle: Prince of Persia (1989)

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