Mein erster Kontakt mit Robinson war seine berühmte Trilogie über die Terraformung und Besiedelung des Mars – humanistisch-utopisch, episch und von herausfordernder Detailtiefe in jeder Hinsicht (politisch, gesellschaftlich, technisch, wissenschaftlich).

Mein zweiter Kontakt ergab sich zufällig, als ich inmitten einer pulpigen Kurzgeschichtensammlung, wie ich sie heimlich am liebsten lese, überraschend auf Robinsons A Short Sharp Shock stieß, das aus dem übrigen Haufen der üblichen Macho-Weltraumcaptain-Abenteuer wie eine sehr merkwürdige Perle herausstach. Größer könnte der Kontrast zu den Marsbüchern kaum sein: die Geschichte ist traumartig verflochten, poetisch, völlig surreal. Meine Zuneigung zu Robinson wuchs.

Aurora, ein Roman aus dem Jahr 2015, ist nun mein dritter Kontakt (Vorsicht, Spoiler). Nach den ersten Seiten dachte ich, es wäre so etwas wie eine späte Fortsetzung der Marstrilogie – die Kolonisierung geht weiter, jetzt in anderen Sonnensystemen. Es stellt sich aber schnell heraus, dass jedenfalls die Erzählweise eine ganz andere ist (obwohl die detailreichen Passagen wieder da sind), und zwar eine, die ich so noch nicht gesehen habe: die Geschichte wird von der Schiffs-KI erzählt. Die Ingenieurin Devi hat ihr den Auftrag gegeben, die Aufzeichnungen des Schiffs in eine narrative Form zu bringen.

Während der ersten Kapitel des Romans lernt das Schiff durch Feedback von Devi dazu, und so ändert sich der Erzählstil beständig – etwa, indem es sich irgendwann für eine einzige Protagonistin entscheidet (Devis Tochter Freya). Durch eine Vielzahl an internen Sensoren, Kameras und Mikrofonen wird das Schiff dabei zu einer Art von einzigartigem allwissendem Erzähler. Obwohl der Fokus der Geschichte auf Freya liegt, wird vom Schiff immer wieder daran erinnert, dass nicht alle ihre Eindrücke und Überzeugungen objektiv korrekt sind. Als Freya etwa nach ihren „Wanderjahren“ durchs Schiff, bei denen sie die ökologisch und klimatisch unterschiedlichen kleinen Biome des Schiffs und deren Bewohner kennenlernt, denkt, sie kenne alle Leute, merkt das Schiff an, dass es typischerweise nicht alle, sondern nur ca. 60% sind, wenn das jemand behauptet. Es ist erstaunlich, wie schnell mir Schiff dennoch ans Herz wuchs und wie nah mir seine sich über Jahrhunderte hinziehenden Überlegungen gingen – etwa darüber, wie man Entscheidungen treffen („das Halteproblem lösen“) soll, was es seinen menschlichen Bewohnern gegenüber fühlt, ob es überhaupt von Gefühlen sprechen kann, was ein „ich“ ausmacht.

Anders als in den Marsbüchern lernt man von den (hier über 2000) menschlichen Schiffsbewohnern nur eine Handvoll kennen. Ihr Zusammenleben ist natürlich vor allem davon geprägt, dass sie alle auf dem Schiff geboren wurden und in jeder Hinsicht darauf angewiesen sind. Es gibt absolut keinen Spielraum für Fehler, alles muss recycelt und alle verbrauchten Stoffe mit maximaler Effizienz wiedergewonnen werden; selbst Verluste im Promillebereich können bei einigen Elementen fatal sein und über die Jahrhunderte zum sicheren Tod führen*.

Einiges an der kleinen Gesellschaft, die Robinson hier entwirft, überschneidet sich mit den utopischen Ideen in der Marstrilogie (die für mich immer noch meine Haupthoffnungsquelle ist, an die ich bei Zukunftsangst denke), etwa die Auflösung geschlechtlicher und sexueller normativer Rollen. Anderes ist wesentlich pessimistischer. Dazu gehört das Fehlschlagen des annähernd gesetzlosem Zusammenlebens, als lebensnotwendige Entscheidungen anstehen, die alle gemeinsam treffen müssen. Und dazu gehört auch das, was schließlich den größten Unterschied zwischen Aurora (was übrigens ein Mond im Tau-Ceti-System** ist, zu dem das Schiff unterwegs ist) und der Marstrilogie ausmacht: der Kolonisierungstraum scheitert, und zwar auf extreme und endgültige Weise.

Eine subtil bedrohliche Vorahnung davon bekommt man schon zu Anfang des Romans: zum einen bittet Devi das Schiff, wenn es irgendwann nötig sein sollte, eine eigene Entscheidung zu treffen und in die Geschehnisse auf dem Schiff einzugreifen. Zum anderen bleibt die Vorgeschichte des Schiffs, das zu Beginn der Erzählung nur noch ein paar Reisejahre vom Ziel entfernt ist, bedenklich vage – niemand scheint genau zu wissen, was eigentlich im ersten Jahrhundert der Schiffsgeschichte abgelaufen ist.

Als es dann soweit ist, wird auch die Katastrophe weiterhin im sachlichen (aber nicht unbeteiligten) Ton des Schiffs erzählt, als würde in einem Film einfach der up-beat Soundtrack weiterlaufen, was einem so ziemlich das Herz bricht. Spätestens dann kommt auch das zentrale ethische Thema des Buchs mit voller Wucht zum Tragen: wie kann man es verantworten, ein Generationenschiff zu planen und loszuschicken, und damit das Schicksal von noch nicht geborenen Menschen zu besiegeln, die sich nicht selbst dafür entschieden haben?

Trotz allem Pessismus in dieser Hinsicht, und obwohl oder gerade weil sie einem von einem Computer erzählt wird, ist die Geschichte von Aurora menschlicher als viele anderen. Und ich bin Kim Stanley Robinson immer zugeneigter.

*Ich habe in derselben Zeit Battlestar Galactica geschaut, und als sie dort auf einmal 60%!! ihres Wasservorats verlieren, ist mir ganz schöne die Kinnlade runtergefallen – OH GOTT ALLE KREISLÄUFE SIND RUINIERT
**Da Tau Ceti einer der nächstgelegenen Sterne ist, spielt er immer wieder gerne eine Rolle in der Science-Fiction – auch Urras und Anarres aus Le Guins The Dispossessed liegen dort.

Beitragsbild: The Sun (left) is both larger and somewhat hotter than the less active Tau Ceti (right) von R.J. Hall, CC BY-SA 3.0

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