Ist das… Orville? Ist das… Matt Damon?

Nein. Aber als ich die Teaser für die neue Staffel Black Mirror gesehen habe, habe ich mich schon gefreut: Solides SciFi-Material für den Blog! Ich hatte die Serie seit den allerersten Folgen aus den Augen verloren; Details sind wohl von dieser Schweinekopf-Geschichte verdrängt worden. Denn eigentlich ist Black Mirror durchaus Science Fiction, auch wenn die einzelnen Folgen stark variieren. Im Auftakt zur vierten Staffel bleibt es nicht nur bei der dystopischen, medienkritischen Soft-SciFi-Brühe, nein, die Zutaten sind durchaus hard SciFi. Na ja, eigentlich eine Parodie davon…

„Callister“ ist nicht nur der Name der VR-Spiele-Firma, die Programmier-Genie Robert Daly (Jesse Plemons, Fargo Staffel 2) mitbegründet hat, sonder auch der Name des Raumschiffs seiner Lieblingsserie, „Space Fleet“. Callister entwickelt ein Multiplayer-Virtual-Reality-Computerspiel. Daly spielt es in seiner Freizeit auch, allerdings auf seinem eigenen Heimserver, und mit seinem selbstentwickelten Mod: das Spiel ist so umgestaltet, dass es seiner Lieblingsserie gleicht. Er spielt den Captain. So weit so… normal. Der SciFi-Dystopie-Twist: Die restlichen Besatzungsmitglieder werden nicht von menschlichen Mitspielern gespielt sondern von virtuellen Klonen seiner Arbeitskolleg_innen. Die Klone sind sehr exakte Klone, inklusive Selbstbewusstsein, Seele und Wissen über ihr Klon-Dasein; Daly ist ein herrischer, launischer, fast-allmächtiger Diktator – Im echten Leben dagegen ein Außenseiter über den das ganze Büro hinter seinem Rücken lacht. Plemons spielt diese Rolle erdrückend überzeugend: Der Nerd im Kirk bleibt sichtbar.
Dann verliebt er sich in eine neue Mitarbeiterin und Bewundererin (auf „rein professioneller Ebene“) Nanette Cole (Cristin Milioti, ebenfalls Fargo Staffel 2). Sie/Ihr Klon findet sich nicht so schnell mit der Situation ab, sie schafft es die anderen Klone aus ihrer versoffenen, panisch-depressiven Resignation zu motivieren. Aber auch den Klon von Dalys Geschäftspartner Walton, (perfekt besetzt: Jimmi Simpson, It’s Always Sunny in Philadelphia) den Daly in einem besonders teuflischen Griff erpresst?

Vielleicht ist das Nebeinander (beziehungsweise Ineinander) von zwei sehr unterschiedlichen SciFi-Konzepten, aber mir sind beim Schauen ganz besonders die… „Buys“ ins Auge gefallen: Ich muss einer Fiktion ihre Zukunftsideen erst abkaufen um mich auf die Vorhersagen einzulassen. Ich muss Star Trek abkaufen, dass es irgendwann überlichtschnelle Raumschiffe geben wird. Ich muss Black Mirror abkaufen, dass es realistische/quasi-reale VR geben wird. Ein hoher Abkaufpreis will entsprechend belohnt werden. Vielleicht verschwende ich so viele Worte auf diese nutzlose Ökonomie-der-Fiktion-Theorie, weil mich ein Idee bei Black Mirror so sehr gestört hat: DNA-basierte Klone werden nie, nie, niemals die Persönlichkeit und schon gar nicht die Erinnerungen des Originals erhalten. Einerseits ärgert es mich, weil Black Mirror ansonsten sehr sorgfältig, „realistisch“ ist – andererseits bin ich froh, dass kein umständlicher MacGuffin bemüht wurde (vgl. 6th Day oder Alien, äh, 4?). Und schließlich ist Kritik an diesem Trope eigentlich nur lästiges Nitpicking.
Interessanter wird es, wenn es mit den originellen Ideen Probleme gibt. Black Mirror ist mehr an den Konsequenzen seiner futuristischen Technologie interessiert als an der Technologie selbst, insofern beißt es mich mehr, dass hier eine wesentlich disruptivere Technologie eine Nebenrolle spielt. Dalys DNA-Scan-Klonomat, der perfekte, virtuelle, unsterbliche Klone herstellen kann, sollte jedes noch so gute VR-Spiel ökonomisch, politisch, sozial, philosophisch in den Schatten stellen. Andererseits wurde die Singularität und Klonarithmetik schon oft genug diskutiert. Vielleicht ist diese Technologie ja auch verboten.
Letztendlich „kaufe“ ich Black Mirror beide Probleme ab, denn die Belohnung war hoch genug. Hand wave away!

Aber wieso nun ausgerechnet Star Trek? Dalys Space-Fleet-Merchandise und sein Mod sind Star Trek (erst TOS, dann irgendwie auch Discovery) so sehr nachempfunden, dass sie eindeutig für Star Trek steht. Das ist amüsant und technisch und ästhetisch beeindruckend umgesetzt, aber was das in dieser Spezifität für die Story bedeutet, leuchtet mir nicht ganz ein. Ist es eine Anspielung auf Mary-Sue-Fan-Fic-Allmachtsfantasien der männlichen, nerdigen und nostalgisch-konservativen Fanboys? Ist es eine Hommage von einer SciFi-Serie an die andere, legendäre? Bietet das Brückencrew-Ensemble eine gute Parallele zur Bürocrew? Ein bisschen von Allem? Ist das die Holodeck-Episode von Black Mirror? Mir hat eine große, sinnfällige und saftige Kopplung etwas gefehlt, aber nicht sehr. Die Story funktioniert und die Anspielungen sind befriedigend tiefgängig – die Verknüpfung des Transporters mit der Out-of-Universe-Kommunikation ist cleverer als viele (auch moderne) Star-Trek-Plots. Eine schönes Gimmick in einer sehr spannenden und gut erzählten, wunderschönen Folge mit großartigen Darsteller_innen.

Restnotizen

  • Die erste Space-Fleet-Sequenz, pillar-boxed in 4:3, ist erstaunlich überzeugend „auf alt gefiltert“.
  • Monsterifizieren-und-Aussetzen als Bestrafung hat mich… sehr berührt. Brrrr.
  • Lesenswerte Review von Zack Handlen
  • Update: noch lesenswertere Review von Katherine Cross, beschreibt gut den psychologischen, (male-)nerd-entitlement-Kern der Geschichte, den ich kaum erwähnt habe.
  • Update 2: noch zugespitztere Review von Teresa Jusino, die sehr gut den toxic fanboyism herausarbeitet.

    As a near life-long fan of the Star Trek franchise, it pained me to watch the episode’s disgruntled, entitled fanboy completely miss the point of Space Fleet, the Star Trek-esque show he claimed to love

Quelle Bild: Still aus TNG, via IGN/YouTube

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.