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Zuletzt ging es hier um die Arrival-Aliens und ihre nicht-lineare Sprache. In dieser Folge der Xenolinguistik-Beitragsreihe geht es um das nicht-kompositionelle Tamarianisch, das schon ein ganzes Stück außerirdischer wirkt.

Die Tamarianer und ihre ständigen Anspielungen

Bekannt ist diese Spache aus Darmok, einer der einprägsamsten Folgen von Star Trek: The Next Generation. Captain Picard und die Enterprise begegnen hier Leuten, die in zunächst unverständlichen Rätseln sprechen: „Shaka, als die Mauern fielen“, „Temba! Seine Arme weit“ und „Darmok und Jalad auf Tanagra“. Inzwischen sind diese Sätze selbst soweit in unsere Popkultur eingegangen, dass jeder Star-Trek-Fan sofort bestimmte Szenen vor Augen hat, wenn er sie hört – und ganz ähnlich funktioniert auch Tamarianisch.

Was passiert in der Folge? Die Enterprise begegnet einem Schiff der Kinder von Tama. Ungewöhnlicherweise hat der Universaltranslator, der normalerweise jede Fremdsprache unbemerkt auf Anhieb verständlich macht, diesmal Probleme. Ein paar einzelne Wörter werden zwar übersetzt, aber die Sätze der Tamarianer scheinen größtenteils auf Eigennamen zu bestehen, die unübersetzt bleiben müssen. Die Lage spitzt sich zu, als Captain Picard weggebeamt wird. Er landet zusammen mit dem tamarianischen Captain Dathon auf einem Planeten, zunächst ohne zu verstehen, was das soll. Nach und nach wird ihm klar, dass sich die Tamarianer in ihren Äußerungen auf ähnliche Situationen in Mythen und Überlieferungen beziehen; beispielsweise ist mit „Darmok und Jalad auf Tanagra“ eine Situation gemeint, bei der zwei Feinde zusammen eine Gefahr überwinden und dadurch Freunde werden. Tatsächlich taucht ein Monster auf, dem sich Picard und Dathon gemeinsamen entgegenstellen. Der Tamarianer wird tödlich verwundet, aber es bleibt noch Zeit für einen Moment des Verstehens und der Versöhnung.

Das Besondere an der Sprache der Tamarianer ist also, dass man sie nur verstehen kann, wenn man deren Kultur kennt. Insbesondere muss man die Mythen und Geschichten kennen, aus denen die verwendeten Eigennamen stammen – nur so kann man wissen, auf was für eine mythologische Situation ihre kryptischen Äußerungen anspielen. Wie plausibel ist so eine Sprache, und wie fremdartig – genug, um das Aussetzen des sonst so zuverlässigen Universaltranslators zu erklären?

XKCD-Comic 902 von Randall Munroe, CC BY-NC 2.5

Kritik

Obwohl Darmok mit 8.7 imdb-Punkten zu den beliebteren Star-Trek-Folgen zählt, polarisiert sie die Zuschauer. In den negativen Reviews findet sich immer wieder ein bestimmter Kritikpunkt:

Arstechnica: „Our least favorite ST:TNG episodes“:

„So look, here’s the thing. This is just nonsense. It doesn’t work. For an allusion to a story to communicate anything, both parties must know what the story is. And that means telling the story. It means verbs and nouns and adjectives and all the normal words.“

Ein ähnlicher Punkt, nur etwas elaborierter, wird auf dem Blog „Tenser, said the Tensor“ von einem Linguistikstudenten gemacht. Das Problem ist folgendes:

  • Die Prämisse der Folge: Niemand kann die Tamarianer verstehen, weil jede ihrer Äußerungen eine Andeutung auf eine nur den Tamarianern bekannte mythologische oder historische Situation darstellt. Auch wenn der Universaltranslator die Einzelwörter und die Grammatik erkennen kann, ergibt sich daraus nicht unbedingt die intendierte Bedeutung – so ähnlich wie Außerirdische, die ein Wörterbuch für alle englischen Einzelwörter und den Satzbau hätten, nicht unbedingt verstehen würden, was gemeint ist, wenn jemand „Elvis has left the building“ sagt.
  • Diese Äußerungen bestehen allerdings aus normalen Wörtern und Phrasen (mindestens „als“, „die“, „Mauern“, „fielen“ usw.); sie haben nur zusätzlich eine übertragene Bedeutung.
  • Die tamarianische Andeutungssprache setzt also ’normale‘ Sprache voraus. Warum können die Tamarianer also – wenigstens in Ausnahmefällen, etwa um mit anderen Kulturen Kontakt aufzunehmen – nicht diese normale Sprache benutzen?

Im Kern geht es bei dem Argument um Kompositionalität und Nicht-Kompositionalität. Menschliche Sprachen sind größtenteils kompositionell: Die Bedeutung eines Satzes ergibt sich aus den Bestandteilen und wie sie verknüpft sind. Um beispielsweise den Satz „Picard und Dathon sind auf dem Planeten“ zu verstehen, muss man nur (?) wissen, wer Picard und Dathon sind, was „und“, „sind“, „auf“, „dem“ und „Planeten“ bedeuten und wie Wörter im Deutschen normalerweise zu größeren Wörtern oder Sätzen zusammengebaut werden. Aus dem Kompositionalitätsprinzip ergibt sich die wundersame Eigenschaft menschlicher Sprachen, dass man noch nie zuvor gehörte (und potentiell unendlich lange, zumindest bis man nicht mehr kann) Sätze sagen und verstehen kann. Das nutzen wir meistens, um einander irgendwelche Sachverhalte in der Welt zu beschreiben. Die Sachverhalte werden dabei in kleinere Einheiten zerlegt – in Akteure, Objekte, Aktionen, Zustände, Orte, Zeitpunkte, usw.

Ein bisschen Tamarianisch im Menschlichen

Unsere menschlichen Sätze sind aber auch voll von Inhalten, die über die kompositionelle Bedeutung hinausgehen. Was jemand mit einer Metapher, einem Zitat, einer Analogie, oder einem Idiom meint, versteht man nicht unbedingt vollständig, wenn man nur die einzelnen Wörter versteht. Die Grundidee von Darmok ist, sich eine Sprache vorzustellen, die diesen nicht-kompositionellen Anteil auf die Spitze treibt – wie auch ein Kommentator des „Tenser…“-Artikels schreibt: (Generell ist die Kommentarsektion sehr lesenswert – sogar Beiträge von der Star-Trek-Autorin Sally Caves sind dabei!)

„[T]he authors of this episode had to find a way of removing the universal translator from the equation […] Human languages generally provide speakers with the resources necessary to communicate ideas in a fully compositional way. Yet speakers choose to use all kinds of non-compositional structures … Tamarin simply takes the reliance on non-compostional structures to an extreme, but it is possible to find stretches of English conversation that do not sound that different from Tamarin.“

Ein geniales Beispiel für solche stretches in menschlicher Konversation wird in einem weiteren Kommentar genannt:

„Imagine if you started conversing entirely in Simpsons references (the show is a large enough corpus to cover nearly every conceivable situation), and in fact the Simpsons has so pervaded culture, that you might even be able to get away with it for awhile before anyone realized what you were doing. Haw-haw! […] „Bart and Milhouse at the Quik-E-Mart!“ „Snowball! When the cat died“

Eigennamen für ganze Situationen

Dass die Situationen in ihrem mythologischen „Korpus“ von den Tamarianern mit einer Mischung aus vielen Eigennamen und ’normalen‘ Wörtern benannt werden, muss noch nicht zwingend heißen, dass sie diese Wörter auch benutzen könnten oder würden, um damit Situationen so zu beschrieben, wie wir das tun. Die Menge an Präpositionen, Nomen, Verben und Adjektiven, über die sie verfügen, könnte sehr eingeschränkt sein; und selbst wenn sie Ansätze kompositioneller Verknüpfung haben, hat sie eine völlig andere Funktion: sie wird nur dazu genutzt, um daraus Bezeichnungen für die Referenz-Situationen zu bilden (was diese vielleicht etwas leichter auswendig zu lernen macht), nicht um etwas direkt zu beschreiben.

Man kann sich noch extremere Varianten so einer Kommunikationsweise vorstellen. Ganze Szenen aus dem tamarianischen Epos / aus den Simpsons könnten auch eine Art Eigennamen tragen: statt „Schneeball! Als die Katze starb“ zu sagen könnte man auf dieselbe Szene auch durch eine Bezeichnung wie „S04E05, 16:39“ oder irgendeinen anderen feststehenden Namen verweisen. An dem Punkt von Arstechnica weiter oben ist etwas dran – die Geschichte, aus der diese Szenen stammen, müsste auf irgendeine nicht-verbale Weise erzählt werden. Ich würde mir den beneidenswerten Spracherwerb der Tamarianer als eine Art Film-/Serien-/VR-/Holo-/…-Binge-Marathon vorstellen, in dem die Kinder die Bezeichnungen für alle Referenz-Szenen lernen, die in ihrer Kultur allen bekannt sind und die die Basis aller Kommunikation bilden.

So oder so – anstatt potentiell unendlich viele Sätze aus kleinen Einheiten aufzubauen wie Menschen, haben die Tamarianer eine endliche Menge an Situationen, die sie sprachlich ausdrücken können; entsprechend anders muss auch ihre Semantik funktionieren. Das Sprachverständnis der Tamarianer muss sehr viel mehr darauf ausgelegt sein, Vergleiche zwischen zwei Gesamtsituationen zu ziehen (der realen Situation, die man gerade vor sich hat und einer der fiktiven/historischen Situationen, auf die sich die Äußerung bezieht). Irgendwie müssen dabei Ähnlichkeiten und Unterschiede gefunden und gedeutet werden und daraus auf die Sprechabsicht geschlossen werden – was wir hin und wieder natürlich auch machen, wenn wir mal was zitieren oder eine Anspielung machen. Wenn man sein Leben lang nichts anderes macht, hat man dafür aber für diese Art der Verständigung wohl systematischere semantische Mechanismen und Konventionen – als ein solches Regelsystem stelle ich mir die Grammatik von Tamarianisch vor. Eine andere, nicht auf Vergleichen beruhende Art auf die Welt um sie herum Bezug zu nehmen scheint den Tamarianern einfach nicht bekannt zu sein. Selbst wenn sie Wörter kompositionell zusammenfügen könnten, hätten sie wohl Schwierigkeiten, einen Bezug zwischen einem Satz und der Welt herzustellen, ohne dabei den indirekten Zwischenschritt über eine vergleichbare Situation zu machen. Und da der Universaltranslator von kompositionalitätszentrischen Leuten entwickelt wurde und Sprechinhalte und nicht -absichten übersetzt, finde ich sein Scheitern in diesem Fall plausibel.

Fazit: ziemlich xeno

Dass das alles nicht zu 100% konsistent ausbuchstabiert wird – stimmt! Unklar bleibt etwa, wie es Picard unter diesen Voraussetzungen dann doch schafft, Dathon eine irdische Geschichte zu erzählen und verständlich zu machen. Trotzdem steckt in Darmok ein richtig ambitionierter xenolinguistischer Versuch drin, der über fremdartige Laute, Wörter und syntaktische Regeln hinausgeht. Der Regisseur der Folge sprach laut Memory Alpha einerseits (schön nicht-kompositionell) von einer „hell of a story“, andererseits verglich er die Erfahrung damit, bei einem russischen Film Regie führen ohne Russisch zu sprechen – das Ergebnis davon könnte ich mir tatsächlich ähnlich interessant vorstellen.

Kommentare

  1. Mein Lieblingsmoment aus dieser Folge, der mir wegen seiner Subtilität wahrscheinlich erst beim zehnten Rewatch aufgefallen ist:
    Nach das erste „Hallo!“ offensichtlich und kläglich gescheitert ist, versucht es Picard nochmal, mit einem… extrem picardesquen Monolog (den ich hier zu einem Comic verarbeitet habe). Eloquent und stilvoll wie eh und je, aber auch etwas, na ja, unsensibel und fast schon inkompetent. Jean-Luc hat wohl keinen Erasmus gemacht! Oder, in-universe: Die Sternenflotte ist so kompositionalitätszentrisch und abhängig vom Universaltranslator dass ein einfaches „Wir kommen in Frieden“, eventuell pantomimisch unterstützt, an der Sternenflottenakademie erst gar nicht gelehrt wird – ‹Jeremy’s…iron.›! (Oder, in Simple Simpsarian: ‹I am so smart! S-M-R-T!›!)

    1. Ha ha, ja! Trotzdem finde ich es sympathischer und humanistischer (humanoidistischer), die Unterschiede zwischen sich und den anderen zu unterschätzen als sie zu überschätzen (und anzufangen in einfachsten Worten zu reden obwohl es gar nicht nötig wäre). Letzteres passiert auch gelegentlich und ist schmerzhafter mitanzusehen; ich denke da zum Beispiel an den Umgang mit Vermittler Riva, der als exotisches Kuriosum bestaunt wird, obwohl er einfach nur eine Gebärdensprache spricht.

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