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Nasty Nasty Nasty, Bloody Bloody Bloody, Hardcore Hardcore Hardcore!Das fantastische Fantasy Filmfest hat wieder gerufen – nach den White Nights im Januar nun zu den eigentlichen Nights, die jedes Frühjahr stattfinden! Diesmal mit einem noch etwas höheren Horroranteil als sonst.

Einen ganz unterhaltsamen Einstieg bot am Samstag der belgische Krimithriller Control. Das wer-hat’s-getan-Rätsel um eine Reihe von Leichen mit abgetrenntem Kopf und eine überlebende Psychiaterin ist recht spannend; etwas zu klassisch blieb mir die Figurenkonstellation. Es ermittelt zum einen ein strenger Pedant, zum anderen ein zerzauster Lump, und letzterer hat mit seiner regelüberschreitenden und zeuginnenanmachenden Vorgehensweise mehr Erfolg. Das hätte sich vielleicht auch überraschender gestalten lassen.

Weiter ging’s mit Pyewacket, einem Dämon, der im gleichnamigen Film von der Schülerin Leah beschworen wird. Diese hat den Tod ihres Vaters zu verkraften und mit Vorwürfen von ihrer Mutter zu kämpfen, für die sie eine permanente Erinnerung an den Verstorbenen darstellt. Um einen Neubeginn möglich zu machen, beschließt die Mutter in eine einsame Waldhütte umzuziehen, wo es dann angenehm schnell zur Sache geht: Leah führt mit Blut, Milch und Haaren ein Beschwörungsritual durch, bei dem sie ihrer Mutter den Tod wünscht. Danach verliert der Film aber an Tempo und dümpelt zwischen Gothic-Teenager-Alltag (von dem ich gern mehr gesehen hätte) und nächtlichem Hütten- und Waldspuk (mit bemühten, aber nicht so wirkungsvollen Soundeffekten) herum. Am Showdown gefiel mir, dass er die „Angstpsychose oder ist der Dämon echt?“-Gratwanderung relativ konsequent meistert. Im Gedächtnis bleiben am Ende vor allem zwei starke Hauptdarstellerinnen; Pyewacket selbst ist dafür nicht ganz originell genug.

Der am sehnlichsten erwartete Film schien am ersten Tag Brawl in Cell Block 99 zu sein. Man bekommt auf jeden Fall, was man erwartet – reichlich Prügelei im Hochsicherheitstrakt – und noch ein bisschen mehr, was zumindest ich nicht erwartet habe. Der ausgedehnte Vorspann zum eigentlichen Knochenbruchspektakel zeigt, wie der Protagonist Bradley dort hingekommen ist und erzählt dabei auf ungewöhnlich einnehmende Weise von seinen Motivationen und von seiner Beziehung zu seiner Frau Lauren, die für mich die interessanteste weibliche Figur des Festivals war. Für mich mein Lieblingsamoklauf seit John Wick – wobei mich hier trotz spröderer Bilder der gewaltige, wortkarge Vince Vaughn noch etwas mehr beeindruckt hat als damals Keanu Reeves.

Zum Abschluss des ersten Tages konnten alle, die bis dahin gut durchgehalten haben (was für mich eigentlich nicht gilt), noch das Regiedebüt von Coralie Fargeat sehen. Eigentlich ist Revenge eine sehr geradlinige Rachegeschichte: Jen (Matilda Lutz), die junge Liebhaberin eines unangenehmen Schnösels, wird während eines Wüsten-Jagdausflugs von dessen Freunden missbraucht und dann von ihm selbst von einer Klippe gestoßen. Alles, was sie durchmacht, macht sie stärker und wütender (symbolisch: aus einem klaffenden Loch in ihrem Körper wird durch das Ausbrennen mit einer aufgeschnittenen Bierdose ein bad-ass-branding), was für die Männer ein äußerst blutiges Ende bedeutet. Trotz der Einfachheit der Erzählung hinterließ mich Revenge ziemlich verstört. Das lag zum Teil sicherlich an der späten Stunde, der Reizüberflutung und dem ausgiebigen Blutbad; aber auch daran, dass ich Probleme hatte, eine Vergewaltigung im Rahmen eines Rachesplatters verarbeiten. Wie die Stimmung abrupt ins Bedrohliche kippt, ist stark gespielt und inszeniert. Gerade weil die Szene da kurz einen so beklemmend realistischen Ton trifft, fiel es mir danach schwer, wieder in die klassisch überdrehte und hypnotische Racheorgie zurückzufinden und den Spaß daran zu entwickeln, den ich sonst durchaus haben kann – für einen Moment fühlte ich mich eher an bittere und brutale feministische Klassiker wie Joanna Russ‘ We who are about to… erinnert. Dieser harte Bruch machte den Film für mich sowohl schwerer verdaulich als auch interessanter als es Reviews oder auch das FFF-Programmheft vermuten ließen („heiß“, „adrenalintreibend“, „Frauenpower“).

Ausschnitte aus den Trailern zu Revenge / Hagazussa

Man möge mir nachsehen, dass ich daher am nächsten Tag den japanischen Downrange (mit Gedärm-Icon) ausließ. Wir stiegen wieder ein bei Hagazussa, einem Abschlussfilm von Lukas Feigelfeld (Regie) und Mariel Baqueiro (Kamera), die auch anwesend waren und für Fragen bereit standen. Der Film spielt im 15. Jahrhundert in den Alpen und zeigt vier Abschnitte im Leben einer abgeschieden lebenden Frau. Es gelingt etwas, was man selten sieht: ein Leben mit völlig anderen Erfahrungen und daher auch mit völlig fremdartigen Entscheidungen, Ängsten und Genüssen zum einen greifbar zu machen und zum anderen das Horrorpotential davon auszuschöpfen. Schädel, Knochen, Gewürm, Sumpf, dazwischen herrliche Alpenlandschaften – durch die hervorragenden Bilder entsteht eine einzigartig idyllisch-morbide Atmosphäre.

Mit Wes Andersons Isle of Dogs (oder I ♥ dogs, wie ich mir zu meinem Erstaunen erklären ließ) folgte der wohl größte Film der diesjährigen FFF Nights, bei dem ich nicht das Gefühl habe, zu den vielen guten Besprechungen, die es schon gibt, noch etwas hinzufügen zu haben. Die New York Times findet zum Beispiel sehr schöne Worte über das Stop-Motion-Werk über ein Hunderudel auf einer japanischen Müllinsel:

„The dogs provide the emotion in this movie. They’re surprising, touching and thoroughly delightful company distinguished by witty vocalizations. [“Isle of Dogs”] is also visually seductive, filled with perfectly aligned cubistic trash.

[But] when the Japanese characters speak, their words are usually reduced to the decorative, at least for non-Japanese speakers. It’s a strange, discomfiting choice not least because it means that few of the Japanese characters, including Atari, have the depth or dignity given the dogs.

Too often the movie feels overworked, fussy. And when an explosion darkens Trash Island, evoking the horrors of Japan’s past, Mr. Anderson feels like he’s circling a profundity he doesn’t know how to handle.

And yet, time and again, Mr. Anderson pulls you hard into “Isle of Dogs.” […] He’s especially inventive in this movie, and I could watch hours of its noble dogs hanging out, sniffing the air. […] Here, when a dog looks into the camera, the wind caressing him where a human hand once did, the movie finds its soul.“

Unser letzter Film war dann The Cured, ein Zombiefilm mit Ellen Page über die Zeit nach der Apokalypse und nach der erfolgreichen Entwicklung eines Gegenmittels. Dass die Geheilten ihre Erinnerungen an alles behalten, was sie als Infizierte getan haben, ist eine vielversprechende Prämisse. Leider erschöpft sie sich größtenteils in Schreck-Rückblicken. Spannendere Ansätze wie die Konflikte, die sich aus dem Hin-und-Her-Gerissensein zwischen der wiedergewonnenen Familie und der Intimität zwischen ehemaligen Zombie-Rudelmitgliedern ergeben, hätten eigentlich mehr hergegeben. Kein übler Film, aber wie ich immer am liebsten sage, schade um das Potential.

Insgesamt muss ich aber sagen, dass kein einziger wirklicher Tiefpunkt dabei war. Etwas mehr Genrevielfalt (und längere Pausen zwischen den Filmen) hätten meinen Nerven gut getan, aber so bin ich zumindest um eine Grenzerfahrung reicher. Nächste Aufgabe: Das zehntägige Haupt-Fantasy-Filmfest im September.

Mit Dank an alle, die die Filme mit mir angeschaut und besprochen haben, was mir eine große Hilfe sowohl beim Durchhalten und auch beim Reviewen war!

Quelle des Beitragsbilds: Ein Teil der Film-Icon-Legende des Fantasy Filmfestivals

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